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Kinderseelen durch frühzeitige Diagnostik und Förderung entlasten

Die Frage, warum es überhaupt notwendig ist, die Ursache für besondere Schwierigkeiten beim Lesen- und Schreibenlernen zu diagnostizieren, wird immer wieder diskutiert. Kritische Stimmen stellen in Frage, welchen Sinn medizinische Diagnosen machen, wenn als “Therapie” nur ein pädagogischer Förderansatz in Frage kommt.

"Täglich werden uns Kinder mit Lese- und Rechtschreibstörung oder Rechenstörung vorgestellt, die bereits eine Odyssee durch das Schulsystem durchlaufen haben, ohne dass ihnen geholfen wurde. Oftmals verschärft sich die Situation für die Kinder, weil sie als dumm und faul abgestempelt werden, da sie in der Rechtschreibung – trotz intensiven Übens – kaum Fortschritte machen", erklärt Prof. Dr. Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität München.

"In meiner langjährigen Erfahrung in der Diagnostik von Kindern mit einer Legasthenie hat sich immer wieder gezeigt, wie wichtig es für Kind und Eltern ist, die Ursache für die massiven Probleme beim Lesen und Schreiben zu verstehen. Wissenschaftlich können wir das Störungsbild gut nachvollziehbar erklären, schulisch wird meist nicht hinreichend darauf eingegangen. Die Kinder haben sich oftmals schon selber aufgegeben, weil sie trotz guter Begabung keine wirklichen Fortschritte machen", so Prof. Schulte-Körne.

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. hat Leitlinien zur Diagnose von Lese-/Rechtschreibstörungen (Legasthenie) entwickelt, um sicher zu stellen, dass jedem Kind individuell geholfen werden kann. Voraussetzung dafür ist die Durchführung einer spezifischen Diagnostik, die alle Aspekte der kindlichen Entwicklung berücksichtigt. "Ein Kind mit einer Legasthenie ist nicht krank und entwickelt sich genauso gut wie andere Kinder auch. Es kann allerdings seelisch krank werden, wenn man es weder anerkennt noch individuell fördert und damit ein Schulversagen vorprogrammiert", verdeutlicht Prof. Schulte-Körne.

Die Therapie von legasthenen Kindern beruht auf einem pädagogischen und/oder einem therapeutischen Ansatz. Da die betroffenen Kinder oft Schulängste und depressive Symptome entwickeln, muss die psychische Belastung durch psychotherapeutische Ansätze rechtzeitig behandelt werden. Zusätzlich ist die individuelle Einzelförderung durch in der Legasthenie-Förderung erfahrene Therapeuten ein Muss. "Wenn in der Schule die Probleme der Kinder ernst genommen werden, über eine Fehleranalyse die individuellen Schwächen festgestellt und umgehend eine passgenaue Fördermaßnahme eingeleitet wird, kann in vielen Fällen Schülern schon in der Schule geholfen werden",erläutert Prof. Dr. Günther Thomé, Institut für Psycholinguistik und Didaktik der deutschen Sprache, Universität Frankfurt.

"Als Sprachwissenschaftler und -didaktiker weiß ich, wie komplex der Schriftspracherwerb ist. Manche Kinder finden einen schnellen Zugang und andere scheitern. Erst durch die Kenntnis der Ursachen von Lese- oder Rechtschreibproblemen und den Austausch mit anderen Fachdisziplinen, kann individuell auf die Situation eines betroffenen Kindes reagiert werden. Wir müssen dafür sorgen, dass Lehrkräfte entsprechend qualifiziert werden, um eine individuelle schulische Förderung durchführen zu können. Sie müssen aber auch die schulischen Grenzen kennen und rechtzeitig – gemeinsam mit den Eltern – dafür sorgen, dass bei Bedarf außerschulische Hilfe in Anspruch genommen wird", fordert Prof. Thomé.

Der BVL, Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V., kämpft seit seinem 35jährigen Bestehen für eine qualifizierte Förderung in den Schulen, um den SchülerInnen mit Förderbedarf individuell zu helfen. Leider ist es bis heute nicht gelungen, eine ausreichende Anzahl von Pädagogen anforderungsgerecht zu qualifizieren und genügend Förderstunden bereit zu stellen. Probleme in der Rechtschreibung dürfen nicht dazu führen, dass begabte SchülerInnen aussortiert werden.
Quelle: Pressemittelung des BVL vom 13.05.2009

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